Macao (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) ist das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische gerichtet, Macao[259] zu räumen!
Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die Holländer. Deren Erbschaft haben die Engländer angetreten. Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842 dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer Bauart:
| 1107 | Dampfer | mit | 1 | Million | Tonnen | und | |
| 1147 | Segler | „ | „ | „ | „ | . |
Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle, nach der englischen. Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon entfallen 78 Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, Matten, Cassia, Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, Reis, Weizen, Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt China’s und ein hervorragender Markt für den inländischen Handel.
Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.
Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden. Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege, bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club, einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für die letztere, aus dem einfachen Grunde, weil sie für jeden Schaden aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte. Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt, lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen, und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.
Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom Anfang des Jahrhunderts kennen.
Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.
Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln, Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte. Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den „rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei). Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies: „Belly[260] young, no education.“
Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit ihrem Gruss: „Tchin, tchin“ den Fremden empfangen.