Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode. Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm, offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder vertreiben soll.

Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in Wampoa, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel Schamin. An’s Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer tüchtigen Chinesin, die durch ein neusilbernes Schild auf der Brust mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels sich ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die Familie besitzt keine andere Heimstätte.[257]

Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck, bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre Hilfe brauchen werden.

Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem Vertreter des deutschen Reiches, Herrn Lange, als auch von dem des norddeutschen Lloyd, Herrn Melchers, auf das liebenswürdigste angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn das Schamin-Hotel genügt mässigen Ansprüchen.

Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn Melchers und statteten auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.

Canton, chinesisch Kwang-chow-foo (Kwangtschou), liegt an dem linken oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier eine Biegung von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung und eine der wichtigsten und grössten Städte des chinesischen Reiches. Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die alte Stadt ist etwa 3 Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 Kilometern. Sie wird ganz und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 Meter dick und 7–13 Meter hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt als Neustadt bezeichnet.

Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder — Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.

Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung[258] und Kwang-Su) und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, — denn das Gebäude der Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.

Die Stadt hat den ältesten Verkehr der Chinesen mit der Aussenwelt vermittelt und trägt dem neuesten Rechnung. Schon im 10. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer von den Häfen Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die Portugiesen, wurden aber wieder vertrieben.