Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. Gerlach, einen ausgezeichneten deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt und nicht bloss für die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in allen Krankheitsnöthen darstellt, sondern auch ein feingebildeter, liebenswürdiger Mensch und grosser Kunstkenner ist und sein Junggesellenheim mit prachtvollen Erzeugnissen chinesischer und japanischer Kunstfertigkeit reich geschmückt hat.
Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden, dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden wären.
Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach Canton, der drei Tage in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer Hankow, der in Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht
Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf dem Oberdeck gelegenen, geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.
Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,[254] obwohl in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen, niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.
Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6–8 Cajütreisenden, deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung[255] zahlen, kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95 englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also macht das Schiff fast 14 Knoten.
Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren. Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können. Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun, von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also Tiger-Rachen, genannt wird.
Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden, jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.
Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer nur unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die Heckradschiffe, deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10–20 Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit 20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw. amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen angemalten Augen[256] am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen, thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur 20–36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher erster Classe.