Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der Engländer in der Colonisation.

Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre 1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857, als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde, versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet war. Während 1860–1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die Gasbeleuchtung, 1866 die Münze eingerichtet,) so folgte darnach eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.

1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen feuersicher anzulegen.

Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer und ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die europäische Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, massiv aus Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser der Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor und führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der granitne Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über 3½ Kilometer lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, erhebt sich der Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der Nähe ist Post- und Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, Hongkong-Hotel, die hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen Garten das Haus des Gouverneurs.

Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria, ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4 Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels, Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.

Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und holte Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach dem glückseligen Thal (Happy valley) am Ostende der Stadt.

Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen, prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen, dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere, aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich sammeln.

Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet, ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes, auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr. Schild, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn Dr. Pauluhn, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes „Iltis“, das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge entfaltet.

Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der „Nürnberg“ zusammen mit Capitän Schmölder vom „Neckar“, und betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der nach der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre wünschenswerth.

Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden. Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die später reichlich Früchte tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen finde ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen in Asien sich umgesehen.