Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.
Die Felseninsel Hongkong[250] liegt unter 22° nördl. Breite, dicht unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114° östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und misst 83 qkm.[251] Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten Ladrones.
Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen, zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften, das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen, steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (Victoria), welche an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn, die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem Pik) verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben, bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen, ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der Pforte von Südchina.
Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon[252] auf dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,[253] darunter waren nur 8000 Europäer.
Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen, rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon. Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral (Commodore), ein General.
Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der Handel ist bedeutend, da Victoria einen Freihafen besitzt, jedoch nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene Vertragshäfen an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. Aber immerhin handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar mit Europa, sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil des Handels liegt in den Händen der Deutschen, die in bester Lage der Stadt ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus grauröthlichem Hongkong-Granit errichtet haben, eines der schönsten Gebäude in Ostasien.
Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit Amerika und Australien in reger Verbindung.
1884 liefen ein;
| 26763 | Schiffe | mit | 5000000 | Tonnen | , | |
| darunter | 2976 | Dampfer | „ | 3259000 | „ | , |
| 314 | Segler | „ | 290000 | „ | , | |
| 23473 | Dschunken | „ | 1687000 | „ | . |
2397 Schiffe waren britisch, 474 deutsch. 1890 verkehrten im Hafen von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr beläuft sich auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für Baumwollenstoffe, ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für Reis. Die Ausfuhr besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der Einfuhr betrug 381 Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 Millionen Mark.