Auf dem vaterländischen Schiffe,[245] das vorzüglich eingerichtet ist, werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen, zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch 20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten, — wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, — guckt mit mir nach den Sternen.

Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den grossen Bären, aber zur Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, dass er allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.[246] Die jonischen Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als zwei Monate dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.

Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste, gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach Hongkong. Wir haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong[247] in vier Tagen vollendet.

Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke aus.

Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt. Die Stadt liegt auf der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie Neapel. Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe und Boote in dem prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener Binnensee aussieht, die stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, darunter das fünfstöckige Hotel und der Glockenthurm; weiter oben die loggien-geschmückten Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen prachtvolle Gärten und auf der Höhe die neuen Gasthäuser.

Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,[248] die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer „Neckar“ vom Bremer Lloyd,[249] und werden in dem winzigen Dampfer des Hongkong-Hotel hinübergeschafft.

Der Quai und Landungsplatz waren weiss von Menschengewimmel; denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war die allgemeine Frage. Das Postschiff Bokhara, von Shangai nach Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen. Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht, der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa. Nur zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen Matrosen (Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte in den Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie hätten die Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in übertriebener Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben die Antwort nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. Allerdings besteht diese Gefahr auf den ostindischen Gewässern, dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die Befehle der Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich mangelhaft ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr auf Plünderung, als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben Schiffsofficiere mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs zuerst nach Revolver und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht wehrlos zu sein. Ueber jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen chinesischen Fischer auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin. Sie thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara und von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia, — es waren dies die beiden einzigen Schiffe, die unmittelbar vor uns unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 Jahren fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der Ostküste der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu werden, so dürfte er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt haben.

Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen Kabel. Ich hatte sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner glücklichen Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn Buchstaben kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war ich im Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa das Scheitern der Bokhara bekannt.

Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel ein befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die Punka genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird. Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende „Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und merkte, dass Hongkong weit heisser ist, als ich es mir vorgestellt. Das Thermometer zeigte 23° C.