Nächst dem Weisen kommt der hervorragende Mann. Er ist Fehlern unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne, und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die stete Sorge des Confucius.

Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten; kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70 konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu überschreiten.“

Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen, Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur Erde.[277] Der Mann sei stark und die Frau sanft.

Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und Güte mit Güte.“[278]

Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.

Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten, seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen den Worten dieses Mannes.

Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul verdanke, ist das über die tugendhaften Weiber. (Englisch von Miss A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene, zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. Hildebrandt spöttelt über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was er dabei unter Frauen-Tugend versteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen und nicht weiter gepriesen.

Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete: er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei hauptsächlichsten Familien[279] der deutschen Colonie ein und auch meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.