Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung des Herrn Collegen Gerlach, Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten von Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.
1) Das Regierungs-Krankenhaus ist europäisch eingerichtet und von englischen Aerzten geleitet. Das Alice-Krankenhaus (Alice memorial hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr. Jordan, Augenarzt, und Dr. Thompson, Chirurg und Missionär) sind Engländer. Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder ägyptischen Augenentzündung.
2) Asile de St. Enfance liegt am Meeresufer im Osten der Stadt. Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen. Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!
3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte das Berliner Findling-Haus. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier in Ostasien eine von Berlinern gegründete und verwaltete Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue Freunde und — Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine „Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit gebe.
Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.
Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe der chinesischen Classiker. Gegen das 20te Jahr werden sie an chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl ihrer Kinder betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von 3–5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“, von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung folgt.
Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine „Landpartie nach dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.
Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, war die Fröhlichkeit der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der Berichte.[280]