In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht aufziehen will oder kann, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, — was in Europa und Amerika geschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich in der Stadt New-York getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende. Findelhäuser sind in Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier, 1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687 in London.

Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte, stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der Kindesmorde.

Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind bringt, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, — weil es zu häufig die eigne Mutter war; durch dieses persönliche Deplacement[281] wurde die Zahl der Findlinge erheblich verringert.

4) Die Basler Mission hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. Reusch begrüsste.

Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem deutschen Club[282] genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.

Am Nachmittag besuchten wir auch die Chinesenstadt. In der mit der Uferstrasse gleichlaufenden Queensroad befinden sich neben Banken und europäischen Läden[283] aller Art auch die feineren chinesischen, wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u. dergl. verführerisch ausgelegt sind.

Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig, sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt nach dem Begehren.

Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer, Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel, Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel, da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt werden.

Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.