Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich beträchtlich. Cho-Chiu-Kei, der chinesische Hippocrates, welcher während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch einen Giftstoff, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift ausgetrieben werden. — Noch vor einem Menschenalter hielten die europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz ähnlichen Anschauungen gelangt.

Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die Tempel. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen.

Natürlich giebt es hier auch Opium-Kneipen. Aber die Ansicht, welche einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte den nackten braunen[284] Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.

Chinesische Spielhäuser, wie ich sie in Portland und S. Francisco gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind spielwüthig und fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.

Die Strassenscenen sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht und hört man Fruchtverkäufer. Die Hauptsorten sind Litchi (von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; Pumelo, eine Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen und Mandarinen; ferner die Canton-Stachelbeere (Averrhoa carambola), eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack; ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten.

Dort hat ein wandernder Barbier seinen Sitz aufgeschlagen, rasirt das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285] und holt aus Nasenlöchern und Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der Geschichtenerzähler bricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln. Hochzeits- und Begräbnisszüge werden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung.

Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong, das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha, und für die Hügel der Palankin.

Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht 38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross, nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.

Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“ des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff. Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.