Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle, die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht, aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er, wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem Schlafe.
Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte; einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation) ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet, und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr, Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste; jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.
Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R., der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe, der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht, denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen, ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes überwunden werden kann.
Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich, als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments, unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg dieses Versuchs scheint mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren, Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.
Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem Reisetagebuch schrieb.
Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat oder gelebt haben soll.[286]
Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen Linien dringend empfehlen, auch ein solches Taschenbuch[287] herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft: gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu 300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.
Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887 Tonnen im Mittel.
Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £ Unterstützung.