Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten Paläste. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. Bell, statt der jetzigen 60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet sind.

Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum des Orts einverleibt worden.

Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste bezeichnet, sind Ruinen von Klöstern.

Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, entsprechend den heutigen Klöstern in Birma,) aus Holz errichtet waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse Baldachin des Kaisers (Chatta).

Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.

Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk (chunnam) getragen.

Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen Predigthallen darstellen.

Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.

Die dritte Sehenswürdigkeit von Anuradhapura sind die Wasserbauten. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.