Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine mehrtausendjährige Geschichte besitzt.

Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.

Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, „weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.


Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die Felsentempel bei Dambulla nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der bläuliche Glanz der Leuchtkäfer, die zu Tausenden um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch angemeldet.[421]

Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die Fahrt nach Colombo fort.

Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in dieser Hinsicht bevorzugt.

Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die Silber-Rupie wird in beiden genommen.

Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes Lebewohl, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.