Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.
Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur einen grossen Sitz seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste (Sankya, 500 v. Chr.) die Entwicklungslehre, welche heute den Beifall so vieler Denker in Europa findet.
Die Bráhmanen schufen die Wissenschaft. Pánini’s Grammatik des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die Sanskrit-Literatur wurde mündlich überliefert und ist darum ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.
Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.
Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler hinterlassen.
Das Gesetzbuch von Manu, das die Kasten feststellt und die Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, als 500 n. Chr.
Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen (Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische Dichtungen. Von Kalisada’s Drama Sakuntala (550 n.Chr.) ist 1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche Veranlassung für das Studium der indischen Sprache, Kunst und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. Jahrhundert) entstanden dann noch die Purana (die „alten Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.
Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von Gautama Buddha. (622–543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung allen Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.
Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 Werken) hervorgegangen.
Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander 1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht unmöglich.