Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) beginnt die Beeinflussung Indiens durch Fremde, beginnt für uns die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.

Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen. Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu, und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.

Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von Afghanistan aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier Baber das Reich des Grossmogul, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die Portugiesen hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die Holländer im 17. Jahrhundert, die Engländer und die Franzosen, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach der Zersplitterung des Mogul-Reiches (1707) gelang es den Engländern, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen, festen Fuss in Indien zu fassen. 1757 besiegte Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von Mysore in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen Maraten in Centralindien, welche schon die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts die Sikhs in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen Soldaten (Sepoy) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, Indien unter die Verwaltung der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben.


Calcutta,

die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre 1891) hat zwar den Namen von einem uralten Wallfahrtsort zu Ehren der Kali, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine durchaus neue Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.

Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen eingerichtet.

Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen Engländer (146, Männer und Frauen,) in das schwarze Loch stecken (Black hole;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.

Sofort segelten Clive und Watson mit allen verfügbaren Truppen von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg von Plassy (80 engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab gesetzt. Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in Indien.