Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.
Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, also dicht unter dem Wendekreis, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von Osten nach Westen 2–3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird begrenzt durch den Fluss und die Gürtelstrasse (Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.
Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist freigelassen. Der riesige Exercirplatz (Maidan, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht das Denkmal für Sir David Ochterlone, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.
Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen Chowringhee-Strasse, in welcher auch der General-Consul des Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das liebenswürdigste empfangen hat.
Der Haupttheil der „Stadt der Paläste“, nördlich von dem Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen sehr — mittelmässigen. Der Palast des Vicekönigs liegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.
Westlich von dem Palast liegt das Stadthaus (Town-hall) in jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her genügend bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von Warren Hastings zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz gleich, die Bekenner beider mit der gleichen — Ueberhebung. Vollends Warren Hastings (1772–1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz gleicher Rücksichtslosigkeit den Hindu-Fürsten von Benares und die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.
Das Obergericht (High Court), das Secretariat und die andern Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die Post mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (Babu)[438], welche eine grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)
Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels, Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man weit billiger einkaufen.
Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (Bow Bazar) quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. (Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie der letzteren.)