Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die Dhurumtolla-Strasse, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als Hausirer auf der Strasse.
Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.
Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich nach Abgabe eines Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.
Seine Visitenkarte lautet:
Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.
Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht, wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen. Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie nach Europa. Fürst Tagore[440] hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die Musik seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr durchaus gefällig schien.
Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt, sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus Hindu-Dörfern (Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm verschmiert ist. Die Vorderseite der Hütte steht bei Tage offen und wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.
Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.
Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf lohnende Rückfracht.