Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke sieht einer europäischen Fabrikstadt ähnlich. Da schnurren die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und Baumwollenspinnereien.

Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.

1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem ganzen indischen Seehandel (Rx[442] 193 Millionen, oder in runden Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890–91) beherrscht Calcutta wie Bombay je 40 Procent.

Die Zahl der Sehenswürdigkeiten in Calcutta ist gering.

Am bemerkenswerthesten ist das indische Museum in der Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend, aber ganz unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. Meyer, Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt, wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen, noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte Bildsäulen aller indischen Völkerschaften mit ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst, dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt.

Die naturwissenschaftliche Abtheilung giebt eine vollständige Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.

Eisenerz wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.

Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute Kohle[443] in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen, doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast zu Ballastfrachtsatz.

Steinsalz im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden Indier so nöthige Speisesalz und der Regierung ein beträchtliches Einkommen.[444]

Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal (Nord-Behar) einen grossen Theil des Salpeters für das Schiesspulver Europa’s.