Silber, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im Lande gefunden. Gold wird aus dem Flusssand gewaschen; aber die Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt. Kupfer wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden. Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá).

Kalkstein (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam) wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra bestehen aus dem rosafarbenen Marmor der Rajputana.

Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an Edelsteinen, der Indien zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr reich an kostbaren Steinen; jener Reichthum kam von der Jahrhunderte lang fortgesetzten Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in der Gegend von Golconda gefunden, einige Perlen im Golf von Cambay und in der Gegend von Madura.

Uebrigens sind thatsächlich alle Diamanten[445] bis 1728 n. Chr. aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in Südafrika gefunden.

Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) Kohinur „Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu 20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben. 2) Der Orlow an der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht 197¾ Karat. 3) Der Regent, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz.

Vergeblich suchte ich die Glasmodelle der grossen indischen Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein dummer Teufel sie — gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet. Das erste ist der indische Magneteisenstein, der vielleicht schon seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden: in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446] Das zweite ist der indische Beryll, ein meergrüner, durchsichtiger Halbedelstein. Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon stammt unser Wort Brille.

Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die Alterthümer.

Am besten gefallen uns die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar unter griechisch-baktrischem Einfluss entstanden sind: kleine Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.

Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die Reste buddhistischer Bauwerke. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen. Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta ganz reichlich gedeckt ist.