Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von Bharhut,[447] das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter, mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten (Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in den — Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.
Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, dem Rad des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.
Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein Naga-[448] Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König, der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum niederknieen.
Der zoologische Garten, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gut gepflegt und mit Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen. Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei Flitter und Zierath.
Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter. Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge nach oben, sein linkes nach unten wendet.
An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im Baustil gewahrt ist, so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die braunen Menschen und zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.
Aber weit berühmter ist der botanische Garten. Der Besuch desselben nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht. Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren alle sehr berühmte Botaniker.
An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume (Ficus religiosa).
Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen, nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen Inschrift: Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That ein wenig glücklicher Gedanke.
Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen (Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.