Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240 Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler Spurweite erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209 englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805 der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter 25 Millionen, im Jahre 1891.
Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi, Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche Hindernisse dar. — 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in 36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht fertig.
Benares.
East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht war ziemlich kühl.
Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern sichtbar. (Die ganze Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 Millionen Einwohner.)
Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465] der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und hält um 1 Uhr in Benares. In Clark’s Hotel finde ich ein leidliches Zimmer und Frühstück.
Die Gasthäuser im Innern von Indien sind mittelmässig.[466] Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, — fast so wie auf mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe von Schlafzimmern nebst Zubehör.
Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn aber zwei Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu werden.
Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges (oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden mit dem geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens getragen, neuerdings auch — in europäischen Glasflaschen massenhaft versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.