In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt, zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, — aber nicht etwa, um ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare, der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!
Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei. Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch, darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.
Nachmittags besuchte ich das Dorf Bhutia Busti, das 1 englische Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen, in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch, erhielten aber nichts.
Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge sind umfangreich, aber geschmackvoll.
Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus dickem Wollenzeug.
Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr (am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der Himalayakette hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser erscheinen.
Es ist gewiss eine grosse Freude, die höchsten Berge der Erde zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.
Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz heiteren Himmel überspannt.
Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.