Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December) um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.

Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es war doch noch empfindlich kalt.

Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher, wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.

Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten. Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele Selbstmorde vorkamen.

Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung) vom Hotel aus erspähen können.

Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung des unruhigen Sikkim gehalten wird.

Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht, Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von Bengalen errichtete Eden-Sanitarium, eine Pflegestätte für Genesende. Dr. Russel, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir, dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen — Duldsamkeit der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet.

Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine, aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.