Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen. Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer, prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe, welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.
Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen sich geändert. Zunächst sieht man noch viele Bengalen, namentlich dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten Backenknochen. Es sind Nepauler mit eigner Sprache, Buddhisten. Die Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen. Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel. Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge, dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede, die ich leider nicht verstand.
Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.
In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen, vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren Woodland’s Hotel sehe ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem herrliche Cypressen und Laubbäume.
Sehr interessant war der Bazar der Eingeborenen wegen des Gedränges verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner.
Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft; zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um einen Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte, sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“
Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C. im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.
Der Bezirk Darjeeling, der zwischen die unabhängigen Staaten Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die Himalayakette fortreichenden Schutzstaat Sikkim grenzt, war im Jahre 1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22 Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000 Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.
Die Theepflanzungen wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200 Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83 wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.
Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher Colonisation.