Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund) Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen, nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen gehörigen Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.
Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.
Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der Staatsbahn.
Hier beginnt die private Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn, die eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis 1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um 1000 Fuss.
Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48 englischen Meilen in acht Stunden zurück.
Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10 Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis Siliguri nur 30 Rupien kosten.)
Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.
Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen, welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen eingenommen.
Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.