Wenn Heber, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über Baukunst zu misstrauen.
Fergusson, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint; wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem einen Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien durchgängig von schlechtem Geschmack.
Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der Residenz.
Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10. Mai 1857 die Sepoy[487] zu Meerut und am nächsten Morgen zu Delhi die Fahne des Aufruhrs erhoben; begann Sir Henry Lawrence, der Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln, Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen, am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu geblieben, in die Residenz zurück. Die Belagerung begann am 1. Juli.
Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er zwei Tage später.
Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.
Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (tykhana, eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der Feinde zu überwachen.
Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet, den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25. September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene, waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402 Eingeborene vermindert.
Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen umzingelt. Erst am 16. November drang Sir Colin Campbell nach Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach Cawnpur, zurückgelassen und schlug alle Angriffe der Belagerer zurück, bis Campbell am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000 Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach dem andern eroberte. Mit der Zurückeroberung von Lucknow war der gefährliche Aufstand niedergeworfen.
Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert, dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten- und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil der Wunden, die das Gemäuer erlitten.