Lucknow.
Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für 12 Rupien 7 Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46 Kilometer in der Stunde.)
Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten, war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh gewesen, hegt Ajodhya, noch heute mit einem Pracht-Tempel des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala, „dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen, deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis 645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten; eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre 1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre 1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen, sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet. Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000 Einwohner,[485] wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.
Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker, Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen, besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden. Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer) geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.
Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von Mohammedanern beherrscht worden.
Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere, ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung von Lucknow und sein Sohn, in Pelzjacken gekleidet. In Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.
Hill’s Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern von Indien, aber doch leidlich.
Lucknow (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati, die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte; hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775 seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es die Hauptstadt von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz Indien.[486] Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891 aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.
Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem Gumti, einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche wirken sollen.