Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.[553] Ein Hindu-Tempel steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll; Murray sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, als alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. Der Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, wie gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen reichen Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie oben über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe, deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen gestalteten Enden berühren.

Auf der Rückfahrt sehe ich die Dungkuchen-Herstellung, eine Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen „Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.


Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und einen bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in dem ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren der altindischen Heilkunde nachzugehen, die vielleicht bis auf unsre Tage sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine anziehende Aufgabe.

Die Heilkunde hat in der brahmanischen Zeit selbständig sich entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung vom Leben) den Göttern zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in der Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.[554]) vorkommen, zeugen für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten. Aber die wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem Namen des Susruta und Charaka überlieferten Schriften, gehören den späteren Zeiten der Sútra oder Ueberlieferungen an. Wann sie in der jetzigen Form niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.

Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei. Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt haben.

Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend, ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nur einem Flügel.

Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.

Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den Grundstock für die erwähnten Schriften.