Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten, bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.
Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See und dem in das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.
Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau vollendet.
Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener Kuppeln.
Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem die öffentliche Audienz-Halle steht. Die Marmorsäulen, in zwei Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung zu schützen.
Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns vor Einführung der Papiertapeten üblich war!
Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.
Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte Thor Jai Singh’s eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster; kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B. Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in die Alabaster-Täfelungen eingelegt.
Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.
Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert worden.