Das Hauptvergnügen in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch die Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des Völkchens aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem freien Platz vor Albert Hall, wo die vornehme Welt erscheint, um Neuigkeiten auszutauschen und den Klängen der Musikbande des Maharadscha zu lauschen.
Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend entgegenzunehmen.
Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen. Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von einheimischen Verkäufern. Ich selber, der ich unterwegs, ausser den nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich es für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, war beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er von der Hand in den Mund lebt.
Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen; sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen hat.
Der Haupt-Ausflug ist nach Amber.[551] Montag, den 19. December, stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor Sonnenaufgang.
Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus, durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener Wasserpalast des Fürsten emporragt.
Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten. Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete, auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor, ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, 3½ Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist nichts weniger, als angenehm.
Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige Waffe ist ein Schild.[552] In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.
Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier enthüllt sich uns ein wunderbares Schauspiel: oben auf dem hohen Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt Amber.