Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.

Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren) bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu Gunsten des Star-Schnitts.

Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der Star-Schnitt durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.

Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen Aerzten, was ich schon vorher gelesen,[557] dass die unwissenden und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen, obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille gefallen.

In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen, in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend, einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in seinem Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.

Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse Schwierigkeiten bereiteten.

Sie waren zwischen 50–60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit worden. (Wasser nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor mehreren Jahren operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind. Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.

Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.

Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated into Urdu. Agra 1884.“

In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien Geldstrafe.