Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische Unzuverlässigkeit. Einer war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden Augen vor neun Jahren von jenem operirt, — mit gutem Erfolge.

Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen Kranken von ihren Ketten nicht befreit sind! Die Briten, die in so vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in alle Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom Pfuscher gut operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.

Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge erzielen.

Das Geheimniss liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne in Indien der Alters-Star zwanzig Jahre früher reift, als bei uns. In Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 62 Jahre. Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer als im höheren.

Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die Gerechtigkeit anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.


Berg Abu.

Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road. (Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay, Baroda and Central India Railway.)

In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000 Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens.

Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel; plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor.