Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach dem Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten zu, beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen Luni und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten Hügel auf (Arawali hills); das Land sieht recht dürr aus und wird hauptsächlich zur Viehzucht benutzt.

Auf dem Halteplatz Abu Road lasse ich meinen Koffer zurück, sende die zwei Stücke Handgepäck hinauf nach Abu Mountain, das 24 Kilometer entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.[558]

Ich selber bestieg die Jinrikisha, welche von sechs einander ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.[559]

Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25° nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“ zu entnehmen war.

Der Berg Abu gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch ein fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und erhebt sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland aus dem Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und Hindu als Heiligthum verehrt wurde.

Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat Sirohi, der unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800 Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt.

Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der Pistolenkolben aus der Rocktasche.

Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen.