Was will man denn vergnüglicher wissen,
Sakontola, Nala, die muss man küssen;
Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,
Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.
Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die in einen Schlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des Akropolis-Museum nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der Sammlung; und es ist in der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse der pergamenischen Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am Parthenon erscheinen uns als Kunstschöpfungen ersten Ranges.
Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen.
Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für unsren heutigen Kunstgeschmack aufzustellen.
Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach den noch weit berühmteren Grotten-Tempeln von Ellora zu benutzen. Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken Tagesreise erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet des mohammedanischen Nizam von Haiderabad.