Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22h 30′“) von Bombay mit dem Schnellzug[624] der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich 178 englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem kleinen Halteplatz Nandgaon, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und die telegraphisch vorher bestellte Extrapost vorfindet, die den Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.[625]
Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt werden.
Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten.
Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die Land-Strasse ist leidlich.
Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das merkwürdige Reich des Nizam, betreten hatten.
Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen (oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden 9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900 Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.)
Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von dem Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlich nicht-arischer Abkunft, unter drei grossen Oberherren, den der Chera-, Chola- und Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers der Kilji-Dynastie des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang 1294 mit seinen Reiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte und plünderte die Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von Ellora, und eroberte von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik Káfur drang bis zur Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst eine Moschee.
Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341) empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den Süden des Dekkan-Dreiecks.
Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in kleinere Herrschaften.
Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670 entstanden, die der Marathen. Diese konnte Aurangzeb nicht vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707.