Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817 endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren, eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten. Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige Regimenter Truppen zu stellen.
Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon, erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus zu Aurangabad und benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit Hilfe unsres Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu besichtigen.
Die erste ist das Grabmal von Rabi’ a Durani, der Lieblings-Tochter von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern, ein genaues Abbild von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk, herzustellen. Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten, so sind sie doch unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild zurückgeblieben. Das Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang viel zu klein, ausserdem die Eckthürmchen der Fassade höher als die mittleren. Blumenverzierung in erhabener und durchbrochener Arbeit ist an den Marmorwänden des Grabmals angebracht und drinnen ein durchbrochener Marmorschrein um das Grab, das aber keinen Stein, sondern die nackte Erde zeigt, — was von den Moslim, als Beweis von Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts kennzeichnet mehr den raschen und jähen Verfall des Geschmacks als der Vergleich dieser beiden Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der Hegira oder 1630 n. Chr. begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im Jahre 1089 der Hegira oder 1678 n. Chr. vollendet worden.
Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen.
Auch die Jumma Musjid, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt, Matik Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb, erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner Kuppel, kleinen Thürmen, — aber sehr gut in Ordnung gehalten.
Der Priester, der uns den Eintritt verwehrte, (der Einblick von aussen in die schmale Halle ist genügend,) behauptete sogar, dass wir schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe hätten ablegen müssen! Das Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern die wundervollen indischen Feigenbäume, die den Weg beschatten.
Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen.
Das Städtchen Aurangabad ist noch gar nicht so alt, hat aber sehr wechselnde Schicksale durchgemacht.