Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem Grossen des Staates Ahmadnagar, wurde es von Aurangzeb zu seinem südlichen Herrschersitz erkoren, nach seinem Namen umgetauft und zum Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem Gefolge den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine der grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?) Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle.

Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der indische Kutscher hat sein Schätzchen.

Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische Meilen = 12½ Kilometer entfernten Daulatabad, früher Deogiri genannt. Das ist eine indische Festung des 13. Jahrhunderts, höchst malerisch und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von 500 Fuss Höhe ist unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80 bis 120 Fuss, ferner mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und zugänglich nur durch einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei Fussgänger bietet und durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird. Innen ist der Aufgang zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur durch einen schmalen, in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm Alau’din die Stadt Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst ab, als ihm 15000 Pfund Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen, 75 Pfund Diamanten[626] als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte Muhamed Tughlak seinen Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte die Einwohner Delhi’s nach Deogiri, änderte den Namen der Stadt in Daulatabad und verstärkte die Festung, die damals für uneinnehmbar galt. Seine Pläne scheiterten.

Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeugniss unter Leitung eines europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten.

Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten Maratha-Krieg (1803–4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern.

Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige bewohnte Hütten übrig geblieben.

Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer entfernten Roza, wo wir in dem den britischen Officieren gehörigen Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu Morgens früh in dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad ausgewirkt hatten.

Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse, bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern.

Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, — Roza (Rauza) bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan. Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah, der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger.

Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen.