Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem einheimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln des Dorfes Ellora, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht vollständig.

Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt wurde.

Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder Hindu-Gläubigen (17).

Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v. Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von der 9⁄10 der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900 auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich geeignet für den Höhlenbau.

Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die indischen Leistungen sind weit grossartiger.

Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen gehauenen Tempels[627] ist selbstverständlich, während unsere mittelalterlichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben.

Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu dem Kailas.

Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.[628] Ein rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100 Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit 7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan = Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher beschrieben ist, stellt gewissermassen einen Einzelblock-Tempel dar. Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit Pfeilern und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen. Fergusson setzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., andre Schriftsteller genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die Ueberlieferung nennt als Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den Erbauer der Stadt Ellora, und bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk zum Dank für seine durch das Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte Genesung.

Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht als Musik-Halle benutzt.

Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dicken Mauern, einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern. Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und mehr seitlich den Elephanten.