Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.[629] Rechts und links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird.
Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der ihn zu entführen trachtet.
Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte.
Hätte Goethe das Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz vollendete Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen die indischen Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere anerkennende, wie die über Sakuntala, ergänzt haben.
Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts, das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet.
In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga, Nandi und dem reichsten Bilderschmuck.
So viel über den einen Bau, den Kailas.
Von den brahmanischen, d. h. nach nordindischem Stil errichteten Tempeln, ist der schönste Dumar Lena, wahrscheinlich zwischen 600 und 750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass Licht von drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist riesig, 150 Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter der Halle, wie in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe der Hinterwand.
Unter den buddhistischen Tempeln ist der merkwürdigste Vishwakarma, von den Engländern Zimmermann’s Höhle (Carpenter’s cave) genannt, wegen der steinernen Nachahmung des Holzbau’s. Zuerst betritt man den Vorhof,[630] der an den beiden Seiten mit Säulen, kleinen Gemächern und Bildsäulen von Heiligen geschmückt ist, und sieht vor sich den äusserst geschmackvollen Eingang, der zweistöckig gehalten ist.