Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner, pockennarbiger Herr, der das Gymnasium durchgemacht hat, mehreren von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 Yen Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat.
Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir, dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch, sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache. Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das — englische Reisebuch in der Hand halten, deutsch denken, französisch fragen, die französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt, in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel, sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten. Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der Gutartigkeit des Volkes und der mustergiltigen Polizei.[110]
Allerdings einen Pass muss der Reisende haben, sowie er die sieben offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate, Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri = 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt. Der Reisende macht bei der Gesandtschaft seines Reiches eine Eingabe, worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko (nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado.
Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist — etwa wie mancher türkische Zaptieh — nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre. Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten Vertragshafen befördert.
Unser Landsmann Dr. Scriba, Professor der Chirurgie an der Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren. „Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja mit dem Mikado,“ erwiederte jener. — „Das nützt mir nichts,“ sagte unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.
Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung japanisches Geld. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h. solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet worden, der Silber-Yen, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine bedeutend schönere Prägung aufweist.
Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen. Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift und „one Yen“ in lateinischen Buchstaben.
Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die Kupfermünzen[114] kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten alten Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann; träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. Papiergeld kannte Ostasien schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert. Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen dem Dondorf’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115] Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder übervortheilt wird.
Hat man Pass und Geld, so braucht man Verkehrsmittel. Diese sind leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff. Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die Jin-riki-sha, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind dies ganz leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach, in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen mit den Händen ergreift und munter forttrabt.
Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des Morgens drei rohe Eier. Aber seine Leistung ist staunenswerth; kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit „entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der Erzeugnisse von Manchester zu heben.