Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der Eisenbahn von Yokohama nach Tokyo (18 englische Meilen = 32,4 km.) in 50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die älteste Eisenbahn in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet.
Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz; aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen erster Classe; aber das angebotene Trinkgeld weist er kurz und würdig zurück.
Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden Halteplatz.
Eilzüge giebt es nicht. Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf; sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.
Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten Kanagawa, in dessen seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen) Feuer-Berg Fuji, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.
Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des Tokaïdo, mit ihrer doppelten Pinienreihe.
Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche, kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen, sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch die nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die Hauptstadt erreicht, der Zug rollt in den grossen Shimbashi-Bahnhof, der nahe der Mitte der Uferlinie von Tokyo gelegen ist.
Hier harrte meiner die angenehmste Ueberraschung. Der ganze Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen) Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit zwei Mann hinter einander bespannt war. Das Imperial-Hotel ist schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das beste, welches ich wenigstens in Asien gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.
Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner frisch gebackenen Weisheit, die „Odawara-Sitzung“[108] beendete und ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.
Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch hatten sie mir einen Führer gemiethet, was in den Reisebüchern dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig scheint, da man auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht zu erlernen vermag.