Yokohama („Querstrand“) war ein unbedeutendes Fischerdorf, als Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte man 1858 den Vertragshafen nach Yokohama: 1860 wurde hierselbst die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die Quellwasserleitung eröffnet.
Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier Vertragshäfen[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881–1885 an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen = 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die Deutschen mit 15 Procent betheiligt waren. Die japanische Regierung hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im britischen Ostindien.
In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. & O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach Vancouver und nach Frisco.
Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101] vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und Wagenziehern.
Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des norddeutschen Lloyd, das Consulat des deutschen Reiches, den deutschen Club. In letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo, Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in dem englischen Führer (Bradshaw) die ärgerliche Bestätigung: „There are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die Hälfte des Handels in deutschen Händen. Deutschland ist eine Macht in Ostasien. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als unser Recht und unser Vortheil es zulassen.
Im deutschen Club gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine Probe ostasiatischer Sitten. Ich erhielt bei Tisch einen Brief von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club eingeführt werden könne.
Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging zu meinen östlichen Freunden.
Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst bebte die Erde,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich, der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.
Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ Er hatte mich wohl nicht verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.
Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird von Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt — sogar unter Anwendung des schmerzstillenden Cocaïns!