Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In einem Punkt sind Shinto- und Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92]
Der weise Koshi[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue, Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen (Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener, Mann und Frau, zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des Koshi in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado Asada Shokaku den folgenden Grundsatz auf: „Koshi bildet den Charakter, Shokanron[94] erhält das Leben.“
Ueber die Geographie genügen wenige Worte[95]. Japan ist das östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br. und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen 91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)
Die Hauptinsel heisst Hondo, bei uns Nippon, die beiden südlichen Inseln Kiushiu (Neunland) und Shikoku (Vierland). Die nördliche Insel Yezo ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die Kurilen und die Riu-kiu Inseln.
Als Marco Polo den staunenden Europäern von der goldreichen Insel Zipangu im fernen Osten erzählte — die zu erreichen, zu plündern, zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, — hat er die chinesische Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land. Die Japaner nannten ihr Land zuerst Yamato, nach einer mittleren Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst seit 670 n. Chr. Nihon oder Nippon, von Nitsu, Sonne, und hon, Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch früher, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche Kenntniss hatten, Dai-Nippon, das grosse Nippon; doch haben sie, klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.
So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche „den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] — aber ich fand Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land und Leuten auf das freudigste überrascht.
Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr, befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in Japan.
Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.
Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach der Hauptstadt Tokyo streben.