Die Neugestaltung, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr. und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s, zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen die „Reinigung“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern, wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet wurde. Die Buddhapriester, so duldsam sie auch im Allgemeinen sind, haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu übergeben.

Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.

Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken, von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes (Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90] angeblich Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami; endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du thronest im hohen Himmelsfelde.

Der Buddhismus beherrscht den Osten von Asien, wie der Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner, d. i. ein Drittel der Erdbevölkerung.

Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn Siddhârta seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna, in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die Einsamkeit. Unter dem heiligen Bo oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde Buddha (ein Heiliger), Çakyamuni[91] Gautama Buddha. Im gelben Gewand, geschorenen Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach Eitel und Rein): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in Nirwana, wo die Seele das Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“

Nach den fünf Hauptgeboten darf der Buddhist nicht tödten ein lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen, kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.

Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich zu einem groben Götzendienst entartet. Neben den sieben Glücksgöttern (der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack, ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und den sechs Nothhelfern sowie dem „Dorfarzt“ Binzuru, dessen sitzende Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (Kannón) und die Buddha’s, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm sich emporringenden Reinheit.

Hochberühmt sind die grossen Buddha’s (Dai-buts) von Kamakura bei Yokohama, von Nara und Kyoto.

Der Buddhatempel in Japan (tera) liegt gewöhnlich in einem Hain. Verschiedene Thore (mon), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen, Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes Skimmi (Stern-Anis, Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem europäischen nicht unähnlich.