3. 1603 kam die kraftvolle Tokugawa-Familie, die den Buddhismus förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher waren Jeyasu, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616; Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. Von 1614 bis 1854 war Japan den Fremden verschlossen. (Nur die Holländer durften in Nagasaki eine Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe. Es herrschte eine Feudalverfassung mit Fürsten (Daimio)[87] und Rittern (Samurai)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (heimin) gehörten alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine, Eta.)

4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen Staaten kam es zu einer Revolution, aus welcher der Mikado 1868 siegreich hervorging.

Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten, neue Gesetze eingeführt und 1889 eine Verfassung mit Volksvertretung, nach preussischem Muster, gegeben.

Es besteht vollkommene Religionsfreiheit, doch wird neuerdings Shinto wieder mehr begünstigt.

Und wie steht es mit der Religion? Das wird sofort so mancher Europäer fragen. Aber der gebildete Japaner wird lächelnd erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. — Geh’ aufs Land. Der Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem Tode vom Buddha-Priester bestattet.“

Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.

Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.

In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr., hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi) thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des Mikado waltete im heiligen Hain zu Ise über den Spiegel, das Schwert und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der Sonnengöttin Amaterasu, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.

Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug, die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s, in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen Shin-to. (Shin, Geist und , Lehre — chinesisch. Auf japanisch heisst der Geist Kami, daher der Name Kami-Lehre.) Die buddhistischen Priester verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado Saga-Tennô (810–823 n. Chr.) die Mischreligion Riyobu-Shinto, d. h. beiderlei Götterlehre.