Wenn das Bestreben des Gebildeten dahin geht, alles Geschehene zu begreifen; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft, nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind wir ganz ebenso einseitig wie Plato es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.

Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht noch Manches von ihnen lernen, die jetzt — unsere wissensdurstigsten Schüler darstellen.

Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie von der Gabelentz; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte vorher gar keine Entwicklung gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu leugnen, weil wir sie nicht kennen.

Die japanische Geschichte reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift; das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen, eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.

Alles Frühere ist Mythe. Wir übergehen die japanischen Sagen von der Weltschöpfung und von dem göttlichen Zeitalter, in dem Götter über Japan herrschten.

Der erste menschliche Kaiser (Mikado),[85] Jim-mu-Tenno, ein Abkömmling der Sonnengöttin (Amaterasu) soll 600 v. Chr. gelebt haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden; dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der Kaiserin Jingō erobert sein.

1. Sicher ist, dass der Buddhismus um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado, der Schützer des alten Ahnendienstes (Shinto), lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto.

2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n. Chr. Yoritomo zum Hausmeier (Shogun)[86] oder weltlichen Herrscher ernannt. 1274–1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587 begann ihre Austreibung.