Wer eine derartige Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne Theelöffel aus den fremden Städten, sondern Belehrung heimzubringen,) wird immer gut thun, sich einigermassen vorzubereiten,[78] damit in dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche seinem Blick entgehe. Manches meinen wir ja zu wissen; wir glauben z. B. das Aussehen der Japaner zu kennen. Jeder von uns hat eine ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung würdevoll einherschreiten. Aber wie oberflächlich unsere Kenntniss der Japaner bleibt, lernt man erst in ihrem Lande kennen.

Die Japaner selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die europäischen Forscher erklären sie für eine mongolische Bevölkerung, welche aus der Tatarei über Korea[79] auf die Inseln vorgedrungen sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s, sich vermischt habe, vielleicht auch mit einigen vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden) turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.

Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch eigne dazu erfunden.

Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar, sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter); die japanische Frau entsprechend kleiner.

Sie ist in Wirklichkeit schöner, als das sattsam bekannte Ideal der japanischen Maler mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen Rosenmündchen.

Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen, getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in Kobe gekauft habe.

Ich bemerke, dass die Schönheit der jungen Mädchen von den Japanern mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der Europäer muss, wie man sagt, 12 Monate im Lande verweilen, bis er vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber hässlich wird Niemand sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen, das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82] ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel (obi), — alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, das auf den Beschauer einen gefälligen Eindruck macht, trotz der hölzernen Stöckelschuhe. (Geta, aus einem Brettchen mit zwei unteren Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan, bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die europäische zu verdrängen.

Und die japanischen Männer sehen in dem weiten und weitärmeligen, etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche über dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku), auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist weit besser gelungen, als Rein’s Bild japanischer Typen (I, 454) und stellt jedenfalls die neueste Mode der Hauptstadt dar. Die Herren hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der Provinz hatten die Aerzte bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, europäische Kleidung angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.

Von der Geschichte der Japaner weiss der gebildete Europäer gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten Geschichtsforschern, wie von Ranke, nicht dazu gerechnet wird. Das ist eine Thatsache. Die Redensarten, dass wir Japans Geschichte nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben, dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben — Redensarten.