Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.

1650–1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868 der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt. 1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890 Telephon eingeführt.

Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche Wasserläufe durchziehen die Stadt.

Die Strassen der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden.

Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben. Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der fremden Gesandten befinden sich in einem Stadttheil, und zum Theil hinter Mauern und Gärten.

Das japanische Haus[124] ist von überraschender Einfachheit und Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau, ohne Fundament.

Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so dass eine umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2–3 Fuss über den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast, den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische, Sofa’s gleichzeitig vertreten.

Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von 2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama) ausgefüllt.

Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem Papier[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite, mit Ausblick auf den winzigen Garten, — wie in Pompeji. Hier ist an der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.