Shiba, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von Jeyasu dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der Tokugawa-Familie aufzunehmen.
Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866).
Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.
Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges, schön geschnitztes Holzthor, das der beiden Dewa-Könige oder Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen Hof, der in einer ganz eigenthümlichen, echt japanischen Weise geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den Ehrengaben der Daimio. Jede Laterne besteht aus vier Theilen, nämlich aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist, aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus einem phantastischen Pagodendach.
Ein zweites Thor, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel genannt, weil es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado geschrieben, enthält, bringt uns nach dem zweiten Hof, der noch schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen Bronze-Laternen geziert ist.
Das dritte Thor finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze, bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen Todten-Tempel, dessen Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden.
Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen, betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang, die Samurai in der Vorhalle, — ganz ähnlich wie in den Tempeln der alten Aegypter.
Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt. Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich — denn die Thüren werden nie geöffnet! — das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun, der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz (Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das buddhistische Sinnbild der Reinheit.
Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „Symphonie von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit“ darstellt, fragt kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder — der Verfasser des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, sondern für den japanischen Geschmack errichtet ist; und ferner den Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wiederholten Besuchen, zu der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische Kunstschöpfung über die europäische zu erheben.
Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von Nikko Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.