Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken, auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine Dienstmannen, jetzt Ronin, zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die 46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten. In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre gesetzt, niedergehauen, — aber dieser selber nicht zu finden, bis er endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus, um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri; und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.

Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende Weihrauchkerzen.

Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder deines Herren.“[133]

Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark gelegenen Bazar (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse japanischer Kunstfertigkeit. Alles ist hier zu haben, was der Japaner braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck, Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes handzüglich vorwies.

Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel Atago-yama. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der „weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche, offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.

Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke der Stadt belegenen Ueno-Park, der Nachmittags sich besser darstellt. Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich. Ueno-Park, ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun Jemitsu übernommen; er wollte hier eine Reihe von Buddha-Tempeln gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten.

Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen, so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner Stelle steht jetzt das Museum. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.

Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber — nicht belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch von den andern rasch besänftigt.

Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes Denkmal ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado gefallenen Soldaten gewidmet.